Interview: Harquitectes - Die Kunst des klugen Konstruierens

 - Jakob Schoof

Das katalanische Architekturbüro Harquitectes verknüpft regionaltypische Konstruktionsmethoden mit technisch innovativen Detaillösungen. Entwerfen ist für die Detail-Preisträger 2018 ein Forschungs- und Entwicklungsprozess, der erst mit der Baufertigstellung endet.

Interview: Harquitectes - Die Kunst des klugen Konstruierens
Wie Passepartouts rahmen vorgesetzte Sonnenschutzelemente die Fenster in der Gartenfassade des Hauses in Granollers. Im Mauerwerk kombinierten die Architekten zwei Ziegeltypen mit unterschiedlicher Dichte und Tragfähigkeit. © Adrià Goula

Sie arbeiten bereits seit Ihrer Studienzeit zusammen und haben bald nach dem Diplom 2000 Ihr Büro Harquitectes gegründet. Auf welchen gemeinsamen Interessen fußt Ihre Arbeit?

Josep Ricart: Im Studium hat uns die gemeinsame Lust am Entwerfen zusammengebracht. Trotzdem braucht man in einem Büro mit vier gleichberechtigten Partnern eine gemeinsame Referenz, auf die man sich beruft. Unser Bezugspunkt ist seit jeher die regionaltypische, vernakuläre Architektur. Gerade weil sie keine eigene Sprache und keine repräsentative Ästhetik besitzt, konzentriert man sich dadurch weniger auf formale Aspekte.

Roger Tudó: Wobei wir ursprünglich durchaus die Erscheinungsformen der Gebäude im Blick hatten und von der Idee der Architektur ohne Architekten fasziniert waren. Mittlerweile interessieren uns eher die Regeln, die den Formen zugrunde liegen - also das konstruktive Wissen, die Bauprozesse, die Verfügbarkeit regionaler Materialien und das bauphysikalische Verhalten der Gebäude.

Xavier Ros:Wir haben recht bald nach der Bürogründung erste kleine Bauaufträge erhalten. Das hat uns in gewisser Weise gezwungen, uns von Anfang an mit der konkreten Umsetzung unserer Gebäude auseinanderzusetzen und nicht bei konzeptionellen und formalen Überlegungen stehen zu bleiben.

In gewisser Weise spiegelt sich diese Vorliebe auch in der Wahl Ihres Büronamens.

XR Das stimmt. Arquitectes heißt auf katalanisch "Architekten", und das H wird in unserer Sprache nicht ausgesprochen. Mit diesem stimmlosen Konsonanten drücken wir aus, dass wir eine eher stille Architektur bevorzugen. Wobei wir uns in der jüngsten Zeit nicht scheuen, in unseren Entwürfen auch mal etwas lauter zu werden.

Aus Ihren Entwürfen spricht eine große Sensibilität gegenüber dem regionalen Klima Kataloniens. Welche Strategien finden Sie dabei besonders hilfreich?

RT Wir arbeiten gern mit thermischen Puffer- und Übergangsräumen, in denen die Temperaturen je nach Tages- und Jahreszeit schwanken. Diese Strategie verbinden wir mit mediterranen Bautraditionen, vor allem mit der Massivbauweise. Die massiven Bauteile dienen dabei als Wärme- und Feuchtespeicher. Sie prägen auch den Raumeindruck - und dennoch bleiben die Räume eng mit dem Außenklima verbunden. Die Raumwahrnehmung ist dort viel intensiver als in einem vollklimatisierten Innenraum.

XR Die Temperaturschwankungen zwischen Winter und Sommer, aber auch zwischen Tag und Nacht sind bei uns relativ groß. Im Sommer geht es vor allem um Sonnenschutz. Im Winter müssen die Gebäude dagegen thermisch anpassungsfähig sein. Dann schafft man es oft auch, weitgehend ohne mechanische Systeme auszukommen.

JR Natürlich ist es sehr schwer, ein Gebäude vollständig unplugged hinzubekommen. Aber wir versuchen uns diesem Ziel anzunähern, indem wir die Eigenschaften der Baumaterialien so weit wie möglich ausreizen. Dabei nehmen wir es in Kauf, dass das Raumklima gelegentlich von tradierten Komfortvorstellungen abweicht.

RT Ein Lösungsweg besteht darin, die Zahl der Bauteilschichten zu reduzieren. Eine monolithische Wand speichert die Wärme des Tages deutlich besser für die Nacht als eine Fassade mit einer separaten Dämmschicht. Außerdem altern monolithische Konstruktionen normalerweise besser. Die Kunst besteht in der richtigen Mischung aus thermischer Masse und Dämmwirkung - aber diese Dämmwirkung sollte aus dem massiven Wandmaterial kommen und nicht aus einem diffizilen Schichtaufbau.

Der Charakter der Baumaterialien wird in Ihren Gebäuden auch deshalb spürbar, weil Sie meist auf Verkleidungen und Beschichtungen verzichten. Warum?

XR Jedes Baumaterial in unseren Gebäuden sollte so viele Funktionen auf einmal erfüllen wie möglich. Ziegel bringen diese Multifunktionalität von Natur aus mit: Sie können das Fassadenbild prägen, Lasten abtragen und Feuchte puffern. Diese Feuchtespeicherung funktioniert umso besser, wenn man sie unbeschichtet lässt.

RT Es gibt auch eine emotionale Komponente: Wenn Sie eine Wand sehen und sofort erkennen, dass sie eine tragende Funktion hat, fördert das die Verbundenheit mit dem Gebäude. Außerdem ist es uns wichtig, dass der Bauprozess in der Konstruktion ablesbar bleibt. Dadurch wirkt ein Gebäude nie ganz neu, sondern verweist stets auf etwas, das vor seiner Fertigstellung lag.

Ist der Verzicht auf Verkleidungen auch ein Mittel, um Kosten zu senken? Sie waren in einigen Projekten mit sehr knappen Budgets konfrontiert.

JR Beim Bauen geht es uns nicht um Kostenminimierung. Ich erinnere mich an ein Wohnhaus für ein junges Paar, das wir 2011 mit einem sehr knappen Budget errichtet haben und das unsere Herangehensweise an die Baukonstruktion verändert hat. Um Kosten zu sparen, haben wir alle Beschichtungen weggelassen, sodass die tragenden Ziegel innen und außen die Ästhetik des Hauses prägen. Wir erkannten, wie positiv sich diese Strategie auf das Raumklima, die Atmosphäre und viele andere Aspekte auswirkt. Aber der Wandel, den das Projekt in unserer Entwurfshaltung bewirkt hat, war letztlich ein architektonischer, kein kostengetriebener.

XR Noch größer war der Lerneffekt bei diesem Projekt aber für die Bauherren: Sie haben gesehen, dass sie auch ohne viele jener Dinge auskommen, die sie sonst für unverzichtbar gehalten hätten.

Ist es für Ihre Arbeitsweise wesentlich, dass Sie auch während des Bauprozesses alles unter Kontrolle halten?

RT Materialien und konstruktive Zusammenhänge sind für unsere Entwurfsarbeit sehr wichtig. Manchmal kann ein sehr einfaches, kleines Detail die Wahrnehmung und die Atmosphäre eines Raums komplett verändern. Daher müssen wir in der Bauphase sicherstellen, dass diese Details sauber ausgeführt sind und auch wirklich die atmosphärische Wirkung erzeugen, die wir anstreben.

XR Außerdem gibt uns der Bauprozess die Möglichkeit, Dinge weiter zu perfektionieren. Wir hören erst auf zu entwerfen, wenn das Gebäude fertiggestellt ist. Daher wäre es für uns undenkbar, die Bauüberwachung jemand anderem zu übertragen. Wer ein hohes Maß an Qualität erwartet, muss dafür auch selbst Verantwortung übernehmen.

Diese Suche nach Perfektion, diese ständige Recherchearbeit führt Sie auch immer wieder zu neuen technischen Lösungen. Wie teilen Sie sich dabei die Arbeit mit den Fachingenieuren auf?

JR Wir versuchen bei technischen Entwicklungen stets die Führungsrolle zu behalten. Und wir eignen uns für die Dinge, die wir im Büro entworfen haben, durchaus ein hohes Maß an Spezialwissen an. Nehmen Sie zum Beispiel die vier Solarkamine im Bürgerzentrum Cristaleries Planell in Barcelona. Wir haben über ein Jahr daran gearbeitet und uns jede Woche mit den Ingenieuren besprochen. Solarkamine kennt man zwar auch aus der traditionellen Architektur, aber wir mussten sicherstellen, dass sie im Sommer tatsächlich 15 000 m3 Luft pro Stunde aus dem Gebäude befördern. Dieser Arbeitsprozess lässt sich durchaus mit der Produktentwicklung in einem Industrieunternehmen vergleichen - nur dass die Funktion der Kamine auf natürlichen Phänomenen und der Gebäudegeometrie beruht statt auf Maschinen und fossiler Energie.

RT Natürlich brauchen wir auch die Berechnungen von Spezialisten, und wir diskutieren mit ihnen über die besten Lösungen. Am Ende aber nimmt uns niemand die Entscheidungen ab - zumal die Fachplaner nicht die eine, allumfassende Simulation liefern, sondern viele unterschiedliche Berechnungen für Einzelaspekte.

Wie kamen Sie auf die Idee mit den Solarkaminen?

JR Wir wollten die Klassenzimmer im Haus auf natürlichem Wege be- und entlüften. Mit klassischer Querlüftung ist das praktisch unmöglich: Die Raumtiefe ist viel zu groß, und um die Grundrissfläche effizient auszunutzen, mussten wir die Räume beidseits eines Mittelflurs anordnen. Interessanterweise arbeiten die Kamine dann am effizientesten, wenn der größte Luftwechsel benötigt wird, nämlich im Sommer. Im Winter reicht auch ein Luftwechsel von 5000 m3/h, weil wir weniger überschüssige Wärme aus den Räumen abführen müssen. In Barcelona scheint an 300 Tagen pro Jahr die Sonne, dann funktionieren die Kamine von ganz allein. Wenn es einmal bedeckt ist, unterstützen kleine effiziente Ventilatoren die Entlüftung.

Sie arbeiten in den letzten Jahren vermehrt an Gebäudesanierungen. Hat sich Ihre Haltung, hat sich die öffentliche Wahrnehmung des Bauens im Bestand verändert?

JR Wenn Sie sich vor 15 Jahren für die Bewahrung von Bestandsgebäuden eingesetzt haben, stieß das noch bei vielen Bauherren auf Unverständnis. Die meisten wollten unbedingt etwas Neues. Durch die Finanzkrise von 2008/2009 hat sich das geändert. Die Leute verstehen heute viel eher, dass sich im Bestand ein ökonomischer, aber auch ein kultureller und ökologischer Wert verbirgt, den man nicht leichtfertig aus der Hand geben sollte.

XR Unsere Haltung gegenüber dem Bestand ist im Wesentlichen gleich geblieben. Beim Umgang mit denkmalgeschützten Gebäuden ist der kulturelle Wert natürlich ein wichtiger Entwurfsaspekt. Unsere erste Frage lautet aber immer: Wo liegen die Potenziale des Bestandsgebäudes in Bezug auf Statik, Bauphysik und Raumatmosphäre?

Bei Ihrem Wohnhaus in Ullastret war der kulturelle Wert des Bestands von zentraler Bedeutung. Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick wie eine Bestandssanierung, ist aber ein Neubau.

RT Ein Neubau aus dem, was vor Ort vorhanden war. Das Baugrundstück war von einer alten, hohen Natursteinmauer umgeben. Die Gemeinde wollte sie abreißen lassen, um die Straße zu verbreitern. Allerdings gelten in Ullastret klare Vorgaben für die Verwendung von Baumaterialien, um das Ortsbild zu erhalten. Wir haben daher alle Steine aus der alten Mauer in einer neuen, sehr dicken Wand rund um das Grundstück wiederverwendet, die zugleich Rückwand des Hauses ist. Der Bauprozess ähnelte dem einer Stampflehmwand - nur dass wir als Bindemittel Kalkmörtel mit Recyclingglasgranulat gemischt haben, um die Dämmwirkung zu verbessern. Ganz am Ende ließen wir außen an der Fassade die alten Steine wieder freilegen. In den Innenräumen blieb der Kalkmörtel dagegen auf den Wänden, und zum Garten hin ist das Haus fast vollständig verglast. Auch diese Mauern sind also multifunktional, wie es unserer Entwurfshaltung entspricht: Sie tragen, sie dämmen und sie prägen den Raumeindruck.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.