Die Vorbehalte sitzen tief und haben eine lange Vorgeschichte. Zunächst kam es nämlich tatsächlich darauf an, was man aus Beton machte. Hafenkais und Talsperren, Silos und Fabrikgebäude wurden sinnvollerweise mit dem praktikablen Werkstoff gegossen – sie durften freilich (noch) nicht danach aussehen, und so verkleidete man Staumauern mit Granitquadern, Silos mit Putz und Fabriken mit Ziegeln. Diese einvernehmliche Haltung galt noch bis Ende der dreißiger Jahre, als die Gebrüder Ruff in Nürnberg die Kongresshalle für die nächsten tausend Jahre mit hellrotem Granitstein verkleideten und als Karl Meitinger in München Hochbunker neoklassizistisch kostümierte.
Möge die Architektengemeinde Anatol Baudots Betonkirche von 1904 auf dem Montmartre, die Gebrüder Perret und ihre Garage von 1908 oder ihre Kleiderfabrik Esders von 1919, möge sie Max Bergs Jahrhunderthalle in Breslau von 1911 oder Ernst Otto Oßwalds Tagblattturm aus dem Jahr 1927 in Stuttgart feiern, allgemein akzeptiert oder gar üblich war der Baustoff in seiner unverhehlten Art damals nicht. In dieser Hinsicht darf man den Baugeschichtsbüchern keinen Glauben schenken; Garnier, Perret und Le Corbusier waren mit ihren Sichtbetonbauten wohl Avantgarde, hochinteressant und in Fachkreisen glühend verehrt, doch von allgemeiner Bedeutung sind sie nicht gewesen. Man baute Bewährtes auf »anständige« Art und Weise.
So wurde dann der Krieg zum Protagonisten für den »nackten« Sichtbeton. Denn bald nach 1940 war weder Zeit noch Geld zur Verfügung, Bunkern ein gefälliges Kleid zu verpassen. Bahn- und Hafenbauten, Rüstungsindustrie und Kraftwerke zeigten »ehrlich« ihre konstruktive Struktur. Vor allem die allgegenwärtigen Luftschutzbunker, vom stadtbildprägenden Flakhochbunker bis zum vorgefertigt angelieferten Zweipersonenbunker für den häuslichen Garten zementierten die individuelle Bedeutungskomponente Beton und Bunker in den Köpfen der Menschen. Und da Bunker gemeinhin weder als schön noch als sympathisch gelten, wurde »Betonbunker« zum allfälligen Schimpfwort, das offenbar ebenso robust und langlebig ist wie der bezeichnete Gegenstand selbst. Das Schmähwort geht den Zeitgenossen noch immer leicht über die Lippen angesichts betonsichtiger Bauwerke, die nicht auf Anhieb behagen.
Wenn der Sichtbetonbau in den sechziger und siebziger Jahren einen unbändigen Aufschwung erfuhr, dann aus drei Gründen. Einerseits orientierten sich die Architekten in einem Akt politischer Katharsis an den nationalistischer und reaktionärer Tendenzen gänzlich unverdächtigen Heroen der Moderne der Vorkriegszeit.
Andererseits waren die neuen Bauaufgaben in Dimensionen hineingewachsen, die mit traditionellen Bauweisen nicht mehr zu meistern waren. Trabantenstädte, Autobahnüberbauungen, Stadien und Kongresshallen, Gesamtschulen und Kirchen ließen sich am ökonomischsten in Beton errichten. Hinzu kamen zum Dritten Tiefbaumaßnahmen unbekannten Ausmaßes, Autopisten, Hangverbauungen, Flusskanalisierungen, Unterführungen und Brücken jeglicher Art. Die Nation mobilisierte sich in jegliche Richtung und die durch den Verkehrswegebau verursachten Narben in der Landschaft zeigten bis auf wenige kaschierte Ausnahmen vor allem eine Farbe: betongrau.
Mit zunehmenden Alter jener Hinterlassenschaften der Betoneuphorie der sechziger und siebziger Jahre dämmerte jedoch eine andere Erkenntnis: Es kommt darauf an, wie man es macht. Denn die einfache technische Herstellbarkeit sowie die materielle und ästhetische Unverwüstlichkeit des Baustoffs erwiesen sich als teurer Irrtum. Inzwischen bröckeln viele Brücken und Hochbauten vor sich hin, müssen teuer saniert oder gar beseitigt werden.
Da man in Beton nicht hineinsehen kann, ist Betonbau Vertrauenssache. Ist einmal ausgeschalt, lassen sich falsche Mischungsverhältnisse, Fehler bei der Bewehrung und vor allem zu geringe Überdeckung der Stahlteile nicht mehr korrigieren. Erreicht die Karbonatisierungsschicht den Stahl oder dringt Wasser durch Ritzen ein, hat man schon verloren. Absprengungen und hässliche Oberflächenschäden sind das Mindeste, Strukturschwächungen die zu bekämpfenden Weiterungen. Als besonders empfindlich erwies sich der Spannbeton, zunächst als Nonplusultra der neuen Bautechniken angesehen. Ungeahnte Spannweiten, schlanke Bauteile und viel Gewichts- und Materialersparnis waren damit zu erzielen. Doch bereits feinste Risse haben hier katastrophale Auswirkungen, und oft genug versagten die Spannglieder selbst durch Versprödung, Ermüdung oder mangelnden Korrosionsschutz. Schadhafter Spannbeton ist jedoch ein Totalversager und gewinnt geschreddert als Zuschlag im nächsten Autobahnabschnitt ein zweites Leben. Hinzu kommt der ästhetische Aspekt, der für das Image des Baustoffs noch bedeutsamer ist. Beton hat ohnehin keine günstigen Alterungseigenschaften. Ausblühungen und Verschmutzung sowie Pilz- und Algenbesatz sorgen keineswegs für eine wunderbare Patina, wie sie Holz oder Ziegelmauerwerk über die Jahre entwickeln, sondern für unansehnliche Schlieren, schwärzliche oder grünliche Partien und damit für Abscheu und Sympathieverlust.
Die Betonbauweise, das wurde deutlich, bedarf nicht nur der strengen Qualitätskontrollen, sondern auch qualifizierter Vorüberlegungen. Wie ist der Beton belastet, wie ist er der Witterung und anderen Anforderungen ausgesetzt, wie und wovor muss er geschützt werden, wie lässt er sich reinigen oder wie kann er eine angenehme Patina ansetzen? Und schließlich: Wie ist er architektonisch zu behandeln, als Struktur, als der Nutzung angemessener Baustoff, als ästhetisch wirksame Oberfläche? Betonbau ist heikel, Beton ist nur bedingt wetterfest, Beton ist keineswegs universell einsetzbar, kurz, mit Beton muss man umgehen können. Das hatte man sich einfacher vorgestellt. Ohne Spezialisten bei Planung und Ausführung ist guter Betonbau nicht zu haben.
Wenn heute der Sichtbeton wieder an Ansehen gewinnt, in Architektenkreisen allemal, doch auch in der Bevölkerung, so spielen die Erfahrung mit einem halben Jahrhundert Betonbau und die jüngsten Erkenntnisse daraus eine entscheidende Rolle. Die Fehler der Vergangenheit sollen nicht wiederholt werden, so die hehre Absicht. Dennoch bleibt die Vermutung bestehen, dass sich an der prekären Situation nicht viel ändern wird. Denn die Qualitäten, die Fachleute dem nun sachgemäß und qualitätsbewusst eingesetzten Beton zuschreiben – Materialgerechtigkeit, Minimalismus, Abstraktion, Askese usw., sind Kategorien aus dem Fachdiskurs. Sie müssen dem Laien erst als Kriterien vermittelt werden, sodass er die Kodizes, die sich die Architekten selbst gegeben haben, erkennt, akzeptiert und einschätzen kann. Dabei geht es oftmals nicht einmal um betonspezifische Kategorien, denn bereits bei der Dekorfrage streben die Haltungen und Vorlieben bei Laien und Baukünstlern weit auseinander. So wird etwa die Autobahnkirche St. Christophorus, die Friedrich Zwingmann 1976–78 bei Baden-Baden errichtete, mit ihrem reichhaltigen, aus Beton gegossenen Skulpturenprogramm von Emil Wachter in der Bevölkerung weitaus mehr Akzeptanz gewinnen als das minimalistische »Haus der Stille« der Benediktinerabtei Königsmünster, das Peter Kulka 2001 in Meschede baute (Abb. 5).
Mit »Materialgerechtigkeit« und mit »Naturfarben« beim Beton wird man dem Laien nicht kommen können. Grau ist eben weder farbpsychologisch noch semantisch eine positiv besetzte Farbe.
Was also tun, um die Akzeptanz zu erreichen? Viele Architekten stellen sich diese Frage nicht, sondern beharren auf ihrem autonomen künstlerischen Standpunkt. Doch Architektur ist eine soziale Kunst und nur selten von jener Autonomie wie Peter Märk-lis Museum für die Skulpturen Hans Josephsohns im schweizerischen Giornico von 1992 (Abb. 6), das mit rüder Betonästhetik seine kalkulierte Wirkung erzielen kann, weil es auf jegliche Kompromisse bauphysikalischer, funktionaler und letztlich ästhetischer Art verzichten kann.
Zwei Wege bieten sich an, wie Sichtbeton dem ästhetisch empfindsamen und nicht ungebildeten Zeitgenossen angedient werden kann. Zum einen Sichtbeton in fein abgewogener Kombination mit anderen Materialien. Werden »saubere« Betonoberflächen mit ebenso sorgsam detaillierten Holz- oder Stahlbauteilen in Verbindung gebracht, an Glasflächen oder Metallpaneele gestoßen, so können auch für den Laien reizvolle Arrangements entstehen, bei denen die Forderung des Architekten nach natürlichen Farben und Oberflächen dem Empfinden der Nutzer und Bewohner nicht zuwider läuft.
Die zweite Option ist Perfektion und Ab-straktion, für die zumindest der in der zeitgenössischen Kunst bewanderte Bildungsbürger empfänglich sein dürfte. Eine schwärmerische Eloge auf den meisterhaften Umgang Tadao Andos mit dem Beton, auf sein hinreißendes Spiel mit Licht und Schatten, auf die samtweichen, perfekten Oberflächen, wird auch seinen Intellekt erreichen. Und sobald er sich damit auseinandersetzt, sobald ihm das Vorwissen zur Verfügung steht, findet er den Zugang dazu – und der Architekt hat gewonnen. Dann ist der Laie vielleicht sogar in der Lage, reine Betonbauten zu rezipieren. Andos Konferenzzentrum in Weil am Rhein (Abb. 4) oder sein Museum in Hombroich (Abb. 3) könnten auch in seinem Architekturverständnis bestehen.
Das individuelle Wohnen in »Betonkisten« wird jedoch wohl noch lange ein Privileg der Architekten sein. Es braucht einfach den selektiven Blick, der über jene Unregelmäßigkeiten hinwegsieht, die gemeinhin als hässlich empfunden werden.
Diesen benötigt man zum Beispiel auch für die neue Doppelkirche im Freiburger Rieselfeld von Kister Scheithauer Gross (Abb. 1). Der turmlose Bau gibt sich als Solitär von großer voluminöser Kraft, mit gefalteten, geneigten Wänden und als Betonmonolith, der bis auf die Fensterrahmen auf weitere Attribute und Materialien verzichtet. Die großartige Bauskulptur entschuldigt in diesem Fall die keineswegs perfekte Betonqualität.
Axel Schultes und sein früherer Partner Dietrich Bangert in Berlin meisterten mit ihren großartigen Betonbauten die Balance zwischen erzielbarer und realisierter Betonqualität und Bauaufgabe. Makellos sind weder die Haut von Schultes’ Krematorium in Berlin-Treptow noch die Ansichten des Tierheims von Dietrich Bangert draußen am Stadtrand in Berlin-Hohenschönhausen. Aber sie haben die hinreichende Güte, die Unregelmäßigkeiten und Fehler in der Gesamterscheinung überspielt und die das gleichmäßige Patinieren der Oberflächen erlaubt. Einen Unterschied in der Beurteilung mag man trotzdem sehen. Während dem Krematorium (Abb. 2) mit seiner von der Aura des Lichts und der sanft-melancholischen Farbe des Betons erfüllten Säulenhalle eine dem Ort angemessene Stimmung zu eigen ist, erscheinen die asketischen Mauern und pathetischen Kreis-in-Kreis-Formen des Tierheims formal etwas überhöht.
Für seinen heroischen Kampf um die reine Lehre des modernen Materials Beton gebührt hierzulande vor allem Stephan Braunfels ein Lorbeerkranz. Gegen den hinhaltenden Widerstand des Vorsitzenden der Baukommission des Bundestags konnte er durchkämpfen, dass die vom Lauf der Spree durchschnittenen Dienstgebäude des Deutschen Bundestags Paul-Löbe-Haus (Abb. 7) und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus in Sichtbeton ausgeführt wurden. Monolithisch wollte er bauen, das »Wesen des Bauwerks darstellen« und er schwärmte von der »tiefen Schönheit« und den »sinnlichen Reizen des Materials, seiner Farbe und Tiefenstruktur«. Aber er klagt auch über das fehlende Know-how der Handwerker, die Louis Kahn noch zur Verfügung waren und die offenbar auch in der Schweiz und in Vorarlberg den Baukünstlern zu Diensten stehen.
Es ist eine Crux mit dem vermeintlich so simplen Baustoff. Dass die Schalung besonderen Bedingungen gehorchen muss, leuchtet natürlich auch ein. Schalungen aus Weißholz oder Stahl verhindern Abfärben. Schaltafeln dürfen nur einmal verwendet werden, um jegliche Undichtigkeiten zu vermeiden. Der je nach Betonierhöhe unterschiedliche Anpressdruck könne nur durch Messgeräte und viel Erfahrung richtig eingestellt werden. Natürlich wird man nur bei Temperaturen zwischen +5° und +15° befriedigende Ergebnisse erzielen. Erfahrung ist auch beim Rütteln unerlässlich, und nur der versierte Betonbauer weiß, dass man Beton so rasch wie möglich ausschalt und Schmutzwasser vermeidet, da die frische Oberfläche »aufnahmebereit wie ein Film« sei und die Wasserspuren nie mehr korrigiert werden können. Eine Hydrophobierung des frischen Betons ist geboten.
Die Tipps hat Braunfels in leidiger Erfahrung bei den Bundesbauten selbst gewonnen. Und sich über nachträgliche Kosmetik Gedanken gemacht. Vom dünnen Lasieren übers Abspitzen und Spachteln (»man erkennt die Schminke immer«) und das Abschleifen reichen die Möglichkeiten, doch sie bereiten ihm, das ist zu spüren, fast physischen Schmerz. Denn ästhetische Korrekturen bei Sichtbeton sind eigentlich ein Sakrileg.
Auch farbige Pigmente kommen bei Diener & Diener zumindest, den Basler Architekten, die einen Steinwurf weiter die Schweizer Botschaft (Abb. 8) zwischen Bundestagsbauten und Kanzleramt erweiterten, nicht zum Einsatz. Roger Diener hatte dem neoklassizistischen Gebäude einen Erweiterungsbau angefügt und ist stolz auf die Tatsache, dass der monolithische, fünfgeschossige Baukörper innerhalb von 30 Stunden nahtlos gegossen wurde. Der Beton changiert zart rötlichblau, was er dem eigens angelieferten Zuschlag aus den Vogesen verdankt. Dennoch ließen sich Schüttlinien nicht ganz vermeiden.
Eigentlich wissen Schweizer, wie feinster Beton zu erzeugen ist, und sie haben wohl auch die Handwerker dazu. Man denkt sofort an das von Tadao Ando geprägte Wort vom Beton als dem »Marmor des 20. Jahrhunderts« beim Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz (Abb. 9). Die Basler Architekten Meinrad Morger, Heinrich Degelo mit Christian Kerez aus Zürich ließen die Fassade so lange schleifen und polieren, bis der schwarz eingefärbte Beton mit schwarzem Basalt und farbigem Flusskies wie Brekzienmarmor aussah. Fachleute stehen ungläubig staunend vor der geheimnisvoll schimmernden Betonwand, die bei 60 Metern Länge ohne Dehnungsfuge auskommt. Das Geheimnis liegt in der Vorspannung, mit der die Dehnungsrisse verhindert werden.
Es kommt wohl doch darauf an, wie man es macht, wie man die geplante und die erreichbare Oberflächengüte mit der Bauaufgabe und den Dimensionen des Baus in Korrelation bringt, wo das grob gesägte Holzbrett und wo das holzfreie Seidenpapier die Referenzoberfläche sein soll. Die Weitsicht bei der Bauorganisation und die Sorgfalt bei der Kontrolle der Bauausführung kann dem Architekten niemand abnehmen.
