Diskussion: Vielfalt und Demokratie - 50 Jahre Schulbau bei Behnisch & Partner

Für Schulen werden wie für andere öffentliche Gebäude in Deutschland in der Regel Architektenwettbewerbe ausgeschrieben. Erfolge in solchen Wettbewerbsverfahren brachten uns vor allem in früheren Jahren unsere Aufgaben. Unser erstes Schulgebäude entstand 1952 in Schwäbisch Gmünd, dann folgten die Vogelsang-Schule in Stuttgart (1959), das Hohenstaufen-Gymnasium in Göppingen (1959) und andere.

Diskussion: Vielfalt und Demokratie - 50 Jahre Schulbau bei Behnisch & Partner

In den 50er- und 60er-Jahren war der Schulbau wenig mit Ideologien belastet. Man wollte, allgemeinen Tendenzen folgend, liberale, offene Schulen und passte sich in die örtliche und gesellschaftspolitische Situation ein, so gut man diese verstand. In den späten 60er-Jahren traten dann zunehmend Ideologien in den Vordergrund. Ganztagsschulen sollten eingeführt werden, auch mit dem Ziel, Erziehung und Ausbildung der Kinder möglichst weit vom Elternhaus zu lösen. Der Produktionsprozess von Wissen gewann Bedeutung. Am Ende solcher Entwicklungen saßen Lehrer und Kinder, abgeschnitten von der Außenwelt, in künstlich belichteten und belüfteten »Produktionsräumen«.

In dieser Zeit wurde unser Entwurf für die »Schule in den Berglen« prämiert, eine so genannte Mittelpunktschule in Oppelsbohm für vier kleinere Gemeinden (Abb. 1, 2). Wir bekamen den Auftrag, diese Schulanlage zu planen und zu realisieren. Natürlich, auch wir mussten seinerzeit die von den Schulbehörden formulierten Forderungen berücksichtigen: So sollten beispielsweise die Klassentrennwände leicht versetzbar sein, um größere oder kleinere Räume schaffen zu können. Man meinte, man müsse ein Gebäude schaffen, welches allen möglichen Ansprüchen gerecht werden könnte, auch solchen, die bis dahin noch nicht bekannt waren. Wir haben diesen Forderungen in geringst möglichem Maß entsprochen und versucht, unsere Vorstellungen einer demokratischen Architektur umzusetzen. Unsere Herangehensweise basierte auf dem Bild einer Gesellschaft, die durch Rücksicht und Anspruch, Gemeinsamkeit und Individualität, durch gleiche Werte, nicht aber durch Zwänge geprägt wird. Dazu gehört auch, dass Unterrichtsräume nicht typisiert sind, sie beziehen ihre Qualität vielmehr aus der Besonderheit ihrer Aufgaben und ihrer Lage.

Wir fassten dementsprechend die Flächen der üblicherweise langen und langweiligen Klassenflure zu einer Halle zusammen. Die Klassenräume scharen sich um diese Halle. Bezüglich Grundriss und äußerer Erscheinung ist diese Schulanlage noch etwas fest. Sie scheint vorwiegend auf sich selbst bezogen zu sein. Im Kontrast zum geschlossenen Äußeren ist das Gebäude im Inneren offen und vielseitig zu nutzen – sowohl für den Schulbetrieb wie für Vereine und Gruppen.

In den späten 50er-Jahren hatten wir die Volksschule in Lorch geplant. Zu Beginn der 70er-Jahre bekamen wir von dieser Stadt den Auftrag, auf dem Schäfersfeld, einer Anhöhe über dem Ort, ein Gebäude für ein Progymnasium (Abb. 3 – 5) zu realisieren. Wir entwickelten hier den Entwurf der »Schule in den Berglen« weiter. Wie dort scharen sich die Klassenräume in einem Ring um einen Hallenraum, auch dieser ist zweigeschossig, auch diese Klassenräume – wie auch andere Räume – sind nicht rechtwinklig zugeschnitten. Andere Details haben sich hingegen verändert: So öffnet sich der Ring im Erdgeschoss nach Norden hin. Hier liegt der Haupteingang, Fachklassenräume, Lehrerbereiche und sonstige Zonen siedeln sich dort an und schmiegen sich ins Gelände. Diese Raumgruppen sind nun nicht mehr der stringenten Geometrie des Kreises unterworfen.

Geprägt von der Aufgabe und von Zeit und Ort ist im gesamten Gebäude das Bemühen erkennbar, einerseits die Qualität der sich um einen Mittelpunkt gruppierenden Anlage herauszuarbeiten, andererseits diejenigen Elemente und Aspekte, die in dieser Situation eher verlieren würden, so weit wie möglich von der Bindung an die Kreisgeometrie zu befreien. So hat der Zuschnitt der Galerie einen anderen, eigenen Mittelpunkt, die Treppen weichen aus, Fassaden und Sonnenschutz sind »ausgestellt« – besonders im Erdgeschoss, wo einzelne Raumbereiche den Kreisgrundriss verlassen und sich freier ausformen. Die Geometrie des Tragwerks gibt dem Ganzen eine Grundordnung, die – sofern übersichtlich geordnet – auch leicht handzuhaben ist. Nachfolgende Systeme, Elemente, Konstruktionen jedoch müssen nicht unbedingt diesen strengen Ordnungen folgen.

Zu Beginn der 80er-Jahre errichteten wir auf dem Schäfersfeld ein weiteres Schulgebäude, eine Hauptschule (Abb. 6, 7). Wahrscheinlich wäre es Schule und Stadt recht gewesen, wenn wir das bestehende Schulgebäude einfach nachgebaut hätten. Aber es war klar, dass das neue Gebäude alle diejenigen Einrichtungen und Qualitäten aufweisen sollte, die das Progymnasium auszeichnen: Sinnvolle Materialien, sinnvolle Gestalt, Vielfältigkeit in der Einheit – das waren die Themen. Dahinter steht der Ansatz, alle Teile individuell zu sehen. Jeder Teil steht für sich selbst, benötigt seinen Raum, übernimmt seine Funktion im Ganzen und hat gleiche Wertmaßstäbe. Das neue Gebäude sollte dementsprechend dem vorhandenen gleichwertig, aber nicht gleich sein. Darüber hinaus wollten wir das eine oder andere verbessern bzw. anders gewertet realisieren.

Beim Progymnasium hatte das Ringen mit der Kreisgeometrie besondere Probleme bereitet und besondere Lösungen hervorgebracht. Anstelle des Kreises wählten wir nun ein gleichseitiges Dreieck, eine geometrische Figur, die ähnlich »selbstgerecht« ist wie der Kreis und von daher auch ähnliche Ansprüche stellte. Zentrum der Anlage war wiederum eine Halle, nun mit einem dreieckigen Grundriss. Die Klassenräume, die beim Progymnasium nach allen Himmelsrichtungen hin orientiert waren, liegen nur an den Fronten, die einen besonders schönen Blick über das Remstal, die Stadt Lorch, die gegenüberliegende Talseite und über Hohenstaufen bieten. Die dritte Seite des Dreiecks, die nach Norden zeigt, ist nicht mit Räumen besetzt. Hier steht eine große Glaswand, und der Hallenraum öffnet sich zum Schäfersfeld und dem angrenzenden Schwäbischen Wald. Im Erdgeschoss lösen sich die Raumbereiche von der zentralen geometrischen Ordnung und formen sich freier aus.

Natürlich bauen auch unsere jüngeren Schulen auf den in den Jahren zuvor gesammelten Erfahrungen auf. Jede einzelne reagiert in besonderer Art auf die Gegebenheit des Ortes. Die Schule für Lernbehinderte in Bad Rappenau (1991) liegt in einer langgestreckten grünen Aue, in unmittelbarer Nähe des Stadtkerns. In das leicht abfallende Gelände haben wir das zweigeschossige Gebäude so eingefügt, dass beide Geschosse ebenerdig betreten werden können. Der gegliederte Umriss der Schule hat sich aus deren inneren Bedingungen ergeben. Klassenräume, Fachklassen und Lehrerbereiche sind zu kleinen Trakten zusammengefasst. Sie wenden sich nach außen, der Sonne und der Aue zu. Im Inneren umschließen sie eine kleine Halle, die den Schwerpunkt der Schule bildet.

Ebenfalls in einer Aue liegt das Grundstück für die Kaufmännische Berufsschule in Öhringen (1993). In ihrer Umgebung sind allerdings ganz andere Dinge prägend: die Autobahn Heilbronn–Nürnberg, ein Einkaufszentrum, einige Gewerbebetriebe und der Ortsrand von Öhringen. In dieser heterogenen Situation haben wir eine eigenständige Anlage geplant, die von sich aus den Ort prägen soll. Ein höher im Gelände liegender aufgebrochener Kreisring – zweigeschossig auf einem Stützengeschoss – wendet sich dem Ort zu und von der Autobahn ab. Die Klassenräume sind nach außen hin orientiert. Im Inneren des Ringes liegen Treppen, Nebenräume und eine große, dreigeschossige Halle. Eine solch egozentrische Figur wie der Kreis neigt dazu, den nachfolgenden Elementen und Formen seine Gesetze aufzuzwingen. Die Auseinandersetzung mit diesen Zwängen haben die Arbeit am Entwurf mitbestimmt.

Da sich die voll verglaste, zum Innenhof gerichtete Fassade »verschließen« wollte, baten wir den Maler Erich Wiesner, diese Glashaut durch leuchtende Farbgestal- tung der Klassentrennwände zum Flur hin visuell aufzulösen.

Auch das neue St. Benno-Gymnasium in Dresden (1996) befindet sich auf einem durch starken Verkehr belasteten Grundstück (Abb. 8, 9). Entstanden ist ein Gebäude, in dem die Unterrichtsräume sich vom Lärm der Straße abwenden und sich nach Westen öffnen. Eine große Wand schützt sie vor dem Verkehrslärm. Auf den oberen Ebenen des viergeschossigen Gebäudes bilden sich dann lange Reihen von Klassenräumen, die in drei Raumgruppen gegliedert sind. Im Westen liegen die Unterrichtsräume den ebenfalls langen und hohen Wohnblocks gegenüber. Das Zwanghafte eines solch engen Gegenübers ist dadurch gemildert, dass sich die Gruppen der Unterrichtsräume im Grundriss von den Wohnblocks wegdrehen und ablösen. Der Haupteingang liegt etwas zurück von der großen Straßenkreuzung und so ist ein Platz entstanden, der zwischen Straßenverkehr und Gymnasium einen Ort der Entspannung darstellt. Auch der bewegte Grundriss und die Farbgestaltung des Künstlers Erich Wiesner haben sich in der Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten am Ort entwickelt. Bei der Farbgebung kommt es nicht darauf an, dass eine Fläche gefärbt wird, sondern wie sie gefärbt wird. Das Blau ist eine Bereicherung, eine gute Ergänzung zu den in Dresden vorherrschenden Farbtönen. Mit Hilfe der freien Künste gelingt es oftmals, in Bereiche vorzustoßen, die eine an praktische Funktionen, technische Konditionen und an Wirtschaftlichkeit gebundene Architektur von sich aus nicht erreichen kann. Die Kunst erlangt in diesem Fall einen hohen Grad an Selbständigkeit, sodass sie nicht als Zutat zur Architektur, sondern auch als selbständiges Werk gesehen werden kann. So, wie das Gebäude nun geworden ist, setzt es sich ab von den stereotypen Elementen und vorgeprägten Ordnungen des sozialistischen Städtebaus.

Eine Schule, die nicht von vorneherein durch Grundstücksgrenzen zusammengepresst werden musste, entstand in Ingolstadt. Hier hat die Stadt ein schönes Grundstück für den Neubau der Montessori-Schule (1998) bereitgestellt, frei gelegen an einem großen Grünzug, offen und luftig. Es entwickelte sich eine Anlage mit verschiedenen Häusern, mit Verbindungsgängen, Hallen, mit individuellen Räumen, mit offenen Arbeitsplätzen und Gärten vor den Klassenräumen.

Ein frei gelegenes, vom Stadtrand in die Landschaft übergehendes Grundstück fanden wir auch in Bitburg vor. Hier ist das Europäische Berufsbildungswerk (2002) entstanden, eine lebendige Anlage, eingebettet in den Ort und durchdrungen von Elementen der Landschaft. Die verschiedenen Nutzungsbereiche liegen frei im Gelände, offen für ihre Aufgaben und offen gegenüber dem Ganzen, gegenüber der Landschaft und dem Gebauten.

Die gewünschte Vielfalt einer Schulanlage entwickelt sich dann, wenn man ihren besonderen Anforderungen folgt, aufgeschlüsselt in einzelne Bereiche und Situationen, wenn man Zwänge »von oben her« vermeidet und darauf achtet, dass das neu Geschaffene nun seinerseits nicht unangemessene Zwänge anderem gegenüber ausübt.

Die Mündigkeit des Einzelnen und sein Eingebundensein in die Gesellschaft verbinden sich dann zu einem Ganzen, wenn auch die Teile und Elemente der Architektur individuell und eigenständig gesehen werden. Die Architektur ist der Spiegel der unserer Welt zugehörenden Vielfalt und unserer Sorge um sie.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.