Den Olympiapark verstehen heißt ihn erwandern. Unter dem 60 Meter hohen Olympiaberg liegt eine 60 Hektar große Ideallandschaft, deren Höhenlinien mal Hügel und Täler, Seen und Zuflüsse, dann wieder Dächer und Pylonen bilden. Was Besucher bis heute anspricht, ist das große Ganze, die Synthese aus Sportbauten und Landschaftspark (Abb. B). Dieses Ensemble war einfach zu stark, als dass einzelne Bauten einfach aufgegeben, überarbeitet oder gar abgerissen werden konnten nach den Olympischen Sommerspielen.
Zeltdach ohne Nutzung?
1974 fand in München das Endspiel der Fußball-WM statt, dennoch blieb das gewaltige, zeltgekrönte Oval ein Leichtathletikstadion und verwandelte sich in keinen modernen Fußball-Hexenkessel. Die geplante WM 2006 und weitere Auflagen der FIFA verschärften die Diskussion über einen möglichen Umbau des Architekturmonuments. Nach einem qualvollen, vor allem quälend langen Streit über diverse Um- und Ausbaumodelle des berühmten Stadions, die dessen Qualitäten ruiniert hätten, feierten Architekturfreunde wie Fußballer die neue Arena im Münchner Norden. FC Bayern München und TSV 1860 München konnten zufrieden sein; am 30. Mai 2005 eröffnete die neue Arena in Fröttmanning. Der Fußball zog endgültig aus dem Olympiapark – und seine Krise begann. Wie sollte man Park und Anlagen angemessen bespielen, sie beleben und zugleich bewahren? Natürlich ist der Olympiapark historischer Grund, eine Art inoffizielles Open-Air-Museum der »heiteren Spiele«, nun aber wurde er zum Zankapfel zwischen Gralshütern der Bewahrung und Vertretern seiner Kommerzialisierung. Rund neun Millionen Euro Betriebskosten verschlingt das Areal im Jahr; ein Stadtratsbeschluss vom 14. Dezember 2005 verlangt, dass die Anlagen einen Teil dieser Kosten selbst wieder erwirtschaften. Darüber mag man lächeln und Vergleiche heranziehen zu anderen Kulturgütern – es ist so. Neun Millionen sind Daseinsgrund der Betreibergesellschaft Olympiapark München GmbH. Sie hat das Monument mit neuen Inhalten zu füllen, es anzupassen ohne zu verändern, es weiterzudenken ohne großen Plan. Also gab es Konzerte in der Olympiahalle und »Public Viewing« im Park (Abb. F – H).
Zubauten, Anbauten, Umbauten
Die Zeit hat Spuren hinterlassen und nicht immer die besten. Als bewegte und bewegende Sportlandschaft war der Olympiapark vor einer Generation angetreten, als Landschaftsarchitekt Günther Grzimek aus den Schuttmassen des Zweiten Weltkriegs eine Moränenlandschaft formte, in die Günter Behnisch, Fritz Auer, Winfrid Büxel, Erhard Tränkner, Karheinz Weber, Jürgen Joedicke und Frei Otto drei elegante Sportstätten betteten, indem sie möglichst viel Baumasse im Boden versenkten (Abb. A). Darüber aber ließen sie Architektur explodieren. Leichtigkeit, Spannung, Kraft und Erdung – in dieser Reihenfolge lassen sich die Hochbauten beschreiben. Das ist der erste, der offizielle Blick. Tatsächlich aber wuchs auf und vor allem unter dem ehemaligen Militär- und Fluggelände Oberwiesenfeld eine Art architektonischer Eisberg, glitzernd und geheimnisvoll an der Oberfläche mit verborgenen Tiefen, einem Netz aus Kavernen, Hallen, Zulieferungswegen und Korridoren. Daran haben 40 Jahre Geschichte nichts verändert – im Gegenteil. Jedes neue Bauwerk schrieb sich in die Hügellandschaft des Münchner Nordens ein. Ganz wörtlich.
Um Olympiastadion, Olympiahalle und Schwimmhalle lagerten sich im Laufe der Jahre immer mehr Nutzungen an wie Staubflusen im Windschatten der Zeitläufte, Räume für Verwaltung entstanden in einem bogenförmigen Bau an der Nordseite der Olympiahalle, Pförtnerhäuschen wurden abgestellt und Imbissbuden. Auch die Sportstätten blieben nicht verschont und gingen mit der Zeit. 1983 erhielt die Kunsteisbahn an der Nordostecke des Parks eine Überdachung von Kurt Ackermann in Form eines elegant gespannten, PVC-beschichteten Polyestergewebes, 1998 wurde das von Herbert Schürmann errichtete Radstadion für rund 75 Millionen Mark vollständig entkernt und in eine mittelmäßige Fun-Arena namens »Olympic Spirit« umgebaut, die mangels »Economic Spirit« bald darauf wieder schließen musste. Während bei ihr das Authentische gegen eine vollklimatisierte, sterile Event-Architektur mit 10 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und eine 500-Qua-dratmeter-Mini-Sporthalle eingetauscht wurde, dekoriert mit Original-Requisiten, schlug sich das am 6. April 2006 eröffnete »Sea Life« nicht mehr mit historischen Reminiszenzen herum. Die Halle mit 30 Becken und dem zehn Meter langen Unterwassertunnel aus Acrylglas wurde gleich in den Hang gegraben und so zumindest gnädig versteckt.
Den Park weiterdenken
Wer mit Architekten über Olympia spricht, hört oft Bemerkungen wie »heute ließe sich ein Bauwerk von solcher Radikalität nicht mehr errichten«, und auch sonst ist die Bedeutung des Ensembles unbestritten. Der Olympiapark ist zum Erkennungszeichen Münchens geworden, einer prosperierenden Metropole, die sich längst neue Symbole zugelegt hat, etwa die gigantische BMW Welt. Nutzt diese dem Park – oder zieht sie nur Aufmerksamkeit ab? Solche Fragen stellen sich vor allem in Grundsatzdebatten, die darum kreisen, was für ein Gelände hier eigentlich bewahrt werden soll. Und mit welchen Vorgaben das Ensemble modernisiert, umgebaut oder vor den Vorgaben von Betreibern und Zeitgeist geschützt werden soll. Einfache Antworten gibt es darauf viele, begründete eher selten.
Als dann im Februar 2008 endlich eine Podiumsdiskussion mit dem sprechenden Titel »Olympiapark – Zukunft mit Vergangenheit. Neue Pläne für ein Stück architektonische Weltgeschichte« zur Zukunft des Parks anstand, kochten die Emotionen hoch. Ein Baumeister gab sich entsetzt und konnte sich »überhaupt nicht vorstellten, dass man in diesem Ensemble noch weiterbaut.« Ein anderer sprach gar von Barbarei. Tatsächlich wurde seit 1972 an dem Gesamtkunstwerk geflickt und gebastelt. Das lag auch in der Natur der damals recht experimentellen Baustoffe begründet.
Sanierung der Zeltdächer
Nachdem sich die Brandschutzkomponente in den Acrylglasplatten zersetzt hatte und die transparente Hülle einem Flickenteppich glich, wurde Ende der 1990er-Jahre die gesamte 80 000 m2 große Dachfläche erneuert. Über der chlorgeschwängerten Schwimmhalle löste sich die transluzente Wärmedämmung so schnell auf, dass zwei Jahre nach den Spielen eine Schicht aus Mineralwolle das zum Himmel hin offene Dach zukleisterte. Inzwischen macht die 2006 renovierte Halle den besten Eindruck aller Bauten. Trotz seiner Masse wirkt sie mit neuer transluzenter Wärmedämmung luftig und leicht, 8250 Quadratmeter Membranfläche wie ein gewaltiges Stück Textil, das von Riesenhand nach oben gezogen wird (Abb. K). Die Halle verdeutlicht Weite, einen Möglichkeitsraum auch des gesellschaftlichen Aufbruchs der 1970er-Jahre. Sichtbar wurden diese Qualitäten aber erst nach umfangreichen Sanierungsarbeiten durch das Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner aus Stuttgart sowie die Architekten Auer + Weber (s. DETAIL 5/2008). Bei der neuen abgehängten Decke aus tragender Membran (PVC-beschichtetes Polyestergewebe), Dämmstoff aus Polyestervlies sowie einer Abdichtung aus transparenter ETFE-Folie ging es immer darum, den ursprünglichen Eindruck von 1972 mit neuen Technologien und Werkstoffen nachzuempfinden. Drei Jahre zogen sich die Arbeiten hin. Die Projektleiter Knut Göppert und Sebastian Linden resümieren: »Die Decke erscheint mit der neuen Dachkonstruktion lichtdurchflutet (…) Der durchsichtige Fassadenabschluss trägt zusätzlich zur Leichtigkeit des scheinbar schwebenden Dachs bei. Bleibt zu hoffen, dass den Besuchern die Besonderheit des Orts als Zeugnis der Anfänge moderner, immer noch aktueller Leichtbauarchitektur bewusst wird.
Erweiterung Olympiahalle
Der Umbau der Olympiahalle hingegen, von der Betreibergesellschaft als »Aufbruch in eine neue Ära« gefeiert, machte deutlich, wo die Grenzen zwischen sinnvoller Bewahrung und notwendiger Modernisierung verlaufen: mitten durch die Herzen der ausführenden Architekten von Auer + Weber, deren Urheberrecht an der Ikone zur Brechstange ihrer Veränderung wurde (Abb. L, P). Vom Herbst 2007 an wurde sie bei laufendem Betrieb umgebaut und modernisiert, das heißt an die Erfordernisse heutiger Spielstätten angepasst mit neuer Logistik, neuer Bühnentechnik und neuer Bestuhlung nahe der Originalfarbgebung in Maisgelb. So sollte das Flaggschiff des Olympiaparks »fit für die erste Liga« gemacht werden, versprach der damalige Olympiaparkchef Wilfrid Spronk und verteidigte alle Umbauten: »Wenn wir jetzt nicht handeln würden, könnte die Olympiahalle mit der zukünftigen Markt- und Wettbewerbsentwicklung im internationalen Veranstaltungsbereich nicht mithalten. Ein Abstieg wäre unweigerlich.
Die ursprünglich auf eine maximale Nutzungsdauer von 25 Jahren ausgelegten Bauten sind die zwei größten »Event-Locations« Münchens. Das Olympiastadion fasst bis zu 75 000 Besucher, die Olympiahalle bietet rund 14 000 Plätze und die neue Kleine Olympiahalle, deren Vorgängerin einer neuen Anlieferung und einer Großküche weichen musste, ist für 4000 Gäste ausgelegt. Als Annex für Reitturniere, Motocross- oder 6-Tage-Rennen verbindet ein neuer Tunnel den neuen unterirdischen Veranstaltungsort mit der renovierten Olympiahalle. Ähnlich wie »Sea Life« ist viel Beton im Boden versenkt und über einen Einschnitt zwischen zwei Erdschollen und großzügige Freitreppen erreichbar. Wie die Einrichtung wirklich funktioniert, wird sich Mitte des Jahres zeigen. Roh soll sie bleiben, eine funktionale Mehrzweckhalle mit einem – man muss es sagen – dramatischen Entrée, in München vergleichbar nur mit der Pinakothek der Moderne mit ihrer Treppenanlage. An der Zerstückelung durch Eventflächen und der additiven Melange der Nutzungen ändert auch dieser Bau wenig.
Beeinträchtigung der Freiräume
Ein gestalterischer Abstieg ist auf dem zen-tralen Coubertin-Platz zu verzeichnen. Die geforderte Gastronomie mit VIP-Bereichen ließ sich wohl in der Halle nicht mehr vernünftig unterbringen, sodass sich die Architekten gezwungen sahen, Sitzplätze für 200 Gäste in eine aufgeständerte Stahl-Glas-Kiste zu packen, die wie ein gewaltiger Dorn aus der Halle bricht (Abb. P). Man könnte meinen, ein überlanger Truck wäre da in die Luft gestemmt, eine Maschine, die nur während der Events brummt. So will es zumindest der Monopolbetreiber der Gastronomie im Olympiapark, die Arena One GmbH. Kubische Klarheit zeichnet den Anbau aus und damit ein Höchstmaß an Kontrast gegenüber der fließenden Formsprache des Ursprungsbaus. Das ist gewollt – und doch ein schmerzhafter Eingriff in die Wirkung der Halle, den pikanterweise jene Architekten vornahmen, die über das Urheberrecht an der Halle verfügen. Ihre Intervention wird keineswegs dadurch gemildert, dass sich feine Details und schlanke Profile um jene Leichtigkeit bemühen, welche die Baumasse selbst negiert. Angesichts dieses Bruchs bleibt es fast unerheblich, dass Walter Schwaiger, ehemals Mitglied im Planungsteam von Otl Aicher, das visuelle Erscheinungsbild behutsam weiterentwickelte und klassische Gestaltungsmerkmale bei Schildern und Piktogrammen aufgriff.
Aufräumen, für Klarheit schaffen, diese Worte fallen immer wieder, wenn die Architekten von Auer + Weber über die Modernisierung sprechen. Fritz Auer, der als Partner von Günter Behnisch Urheberrechte am Ensemble Olympiapark besitzt, meinte vor zwei Jahren, als ihm Eingriffe in den Bestand an der Nordseite der Olympiahalle vorgeworfen wurden: »Ein Park war das an dieser Stelle nie, wir wollten eine Verbesserung des desolaten Zustands.« Das ist ihnen definitiv gelungen, technisch gesehen.
Olympia 2018?
Die Renaissance des Parks sollen die Olympischen Winterspiele 2018 einläuten. Schon laufen Vorbereitungen »für nachhaltiges Planen und Bauen«, wie es der euphorische Auslobungstext »München 2018 – Planungswettbewerb für das Olympische Dorf und das Mediendorf« formuliert. Es geht um nichts weniger als darum, »die herausragenden städtebaulichen und landschaftsarchitektonischen Qualitäten der bestehenden Anlagen« fortzuspinnen. Maßstäbe olympischer Art soll vor allem die Nachnutzung der olympischen Anlagen setzen: »Bestehende Sportstätten sollen angepasst werden, das Olympische Dorf auf einem von der Bundeswehrverwaltung genutzten Gelände entstehen.« Es handelt sich um nichts weniger als um zukunftsweisende Entwurfskonzepte mit hoher Energieeffizienz, »bester Gesamtwirtschaftlichkeit, hoher Architekturqualität und städtebaulicher Prägnanz.« Das klingt nach jener Quadratur des Kreises, an der bereits die Werkbundsiedlung scheiterte. Was von den Preisgewinnern nach außen drang, zeigt angenehme, bisweilen modische Lösungen für Wohnungsbau und Freianlagen im Olympischen Dorf: weiße Punkthäuser wie gestapelte Pfannkuchen vom Berliner Planungsduo Léon Wohlhage Wernik Architekten mit ST raum a. Landschaftsarchitekten.
Weiterbauen oder Fertigmachen?
Wann ist ein Kunstwerk perfekt, wann abgeschlossen? Über das richtige Ende haben sich bildende Künstler, Musiker und Schriftsteller seit je den Kopf zerbrochen, um nicht mit einem letzten, kühnen Pinselstrich die Früchte ihrer Arbeit zunichte zu machen. Wie schwer sich Architekten tun, als Generalkonservatoren ihrer eigenen Bauten aufzutreten, zeigt das Coubertin-Restaurant, das den Baumeistern wohl zähneknirschend abgerungen wurde und nun ihr ganzes Werk verunklart (Abb. P).
Der Olympiapark befindet sich am notwendigen Ende einer langen Phase halbherziger An-, Um- und Ausbauten. Ein Gesamtkonzept tut not, eines, das nicht zwangsläufig Olympia heißt. Seit der Fußball auszog, mussten Attraktionen das Gelände aufwerten, die längst gescheiterte Sportshow »Olympic Spirit« ebenso wie zuletzt »Sea Life«. Angesichts der vielen Veränderungen muss sich München langsam von der bequemen Vorstellung verabschieden, den Zustand von 1972 auf ewig zu bewahren. Er existiert ohnehin nicht mehr. Viel wichtiger als ein totes Monument wird das, was Stadtbaurätin Elisabeth Merk mit »Zukunftsbewältigung« umschrieb, die Fähigkeit, widerstreitende Interessen unter einen Hut zu bringen. Das geht aber nur mit klaren Vorgaben für das gesamte Ensemble, das sonst in Stücke zerfällt. Wichtiger als die Frage, was München verhindern kann, wird die Frage sein, was sich München leisten will. Für den Olympiapark kann das nur ein Masterplan beantworten, der das Gesamtkunstwerk in die nächste Generation hievt, als lebendiger Erlebnis- und Erholungsort, unabhängig von einer Option auf Olympia 2018. Eines wird der Park immer bleiben: ein Monument mit einer untergründigen Geschichte.
