Zehn Jahre sollten jedoch noch vergehen, bis es dem Kunsthistoriker Heinrich Klotz gelang, ein Deutsches Architektur-Museum, kurz DAM, zu initiieren – im Rahmen des Frankfurter Museumsuferkonzepts, das 13 Umbauten, Erweiterungs- oder Neubauten auf beiden Seiten des Mains vorsah. Für das Architekturmuseum wurde eine Villa zur Verfügung gestellt, 1912 im Stil der Neorenaissance von Fritz Geldmacher erbaut. Da das Gebäude für eine öffentliche Nutzung nicht ausgelegt und die Ausstellungsflächen zu gering waren, erging 1979 der Auftrag zum Umbau an Oswald Mathias Ungers. 1984 eröffnete dann das »Haus im Haus«: Die alte Villa war komplett entkernt worden und es wuchs über vier Geschosse unter einem großflächigen Oberlicht ein Zeugnis rationalistischer Architektur.
Seit der Eröffnungsausstellung 1984 zum Thema »Revision der Moderne. Postmoderne Architektur 1960–1980« prägten aufeinander folgend vier Direktoren das Haus: nach dem Gründer Heinrich Klotz kamen 1989 Vittorio Magnano Lampugnani, 1994 Wilfried Wang und seit 2000 leitet nun Ingeborg Flagge das DAM.
Das Museum blickt mittlerweile auf weit über 100 Ausstellungen zurück. Jeder Wechsel im Direktorat bedeutete auch einen Wechsel im Schwerpunkt der Themen, doch immer steht die Auseinandersetzung mit den aktuellen Architekturtendenzen und der jüngsten Vergangenheit im Zentrum. Neben großen Präsentationen, die die Moderne oder die Architektur in Deutschland im gesamten 20. Jahrhundert beleuchten, werden auch zahlreiche monografische Ausstellungen erarbeitet. Architekten wie Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Hannes Meyer oder Ernst May, Mart Stam und Heinz Bienefeld oder die Bauten großer Städte wie Chicago, New York oder des zeitgenössischen Roms werden gezeigt, aber auch Schauen über Architekturkarikatur, Bühnenbildner und Maler. 1989 eröffnet die Daueraustellung »Von der Urhütte zum Wolkenkratzer«: Anhand von 25 eigens dafür angefertigten Großmodellen soll vor allem für Kinder und Jugendliche ein Querschnitt durch die Zeiten und Kulturen der gebauten Umwelt gegeben werden.
Anfang der 90er-Jahre steht Berlin nach der Wiedervereinigung zur Diskussion, ökologische Belange des Bauens werden thematisiert und es folgen die großen Länderschauen, die umfassend das Architekturgeschehen in Österreich, Irland, Portugal, Schweden, der Schweiz, Griechenland, Finnland, Deutschland und Spanien präsentieren. Von Anfang an wird aber auch der aktive Austausch groß geschrieben und so finden regelmäßig Vorträge, Symposien, Werkberichte statt. Es erscheinen das Jahrbuch der Architektur, eine eigene Schriftenreihe des Museums und zu jeder Ausstellung ein Katalog.
17 Jahre wurde das Haus mit engagierten großen Ausstellungen bespielt. 2001 stand erstmals eine umfangreiche Renovierung an. Ingeborg Flagge sah damit auch die Chance gekommen, viele der gewachsenen Ausstellungspraktiken neu zu überdenken. Eine Herausforderung, denn das DAM hat keinen Etat für Ausstellungen und Publikationen, dafür werden Sponsoren benötigt; die Stadt Frankfurt finanziert das Museum, Archiv und Personal.
So soll künftig nicht mehr das ganze Haus unter einem Motto stehen. Die »Ausstellungshalle« mit häufiger wechselnden Veranstaltungen, das Prozesshafte, der Werkstattcharakter sind Thema. Erd- und Obergeschoss sollen für größere Schauen genutzt werden, die »Urhütte« hat nach zehn Jahren hinter Stellwänden wieder »das Licht der Welt erblickt« und im 3. Obergeschoss gibt es eine aktuelle Galerie. Gleichzeitig laufende Ausstellungen sollen einander beleben, wenn etwa die Blobmeister auf Helmut Jacoby treffen, virtuelle Welten auf Handzeichnungen.
Lehrstühle von Universitäten werden sich in Zukunft mit ihren Forschungsschwerpunkten und herausragenden Studentenarbeiten vorstellen und mehrmals im Jahr werden Architekten ihr Œuvre präsentieren. Den Anfang hierzu macht Thomas Herzog aus München.
Weniger im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber dennoch bedeutende Einrichtungen des DAM sind die Sammlung, die über 150 000 Pläne, Zeichnungen und 500 Modelle von über 460 Architekten beheimatet, die Bibliothek, die Fotothek und eine Modell- und Papierwerkstatt. Zwischen den ältesten und neusten Stücken in der Sammlung liegen Welten. Neben einem Aquarell aus dem Jahr 1863 finden sich Datenträger, die auf den ersten Blick gar nichts zeigen. Wolfgang Voigt hat sich in einem Aufsatz Gedanken zu einem möglichen »Cyberdam« gemacht. Ein solches Datenarchiv würde der ganzen Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, 24 Stunden täglich könnten Interessierte am Bildschirm durch ein gläsernes DAM surfen. Bedenklich seien nur die kurzen Lebenszyklen der Speichermedien, denn das Tempo der digitalen Revolution nimmt keine Rücksicht auf Interessen von Archivaren. »Das DAM geht mit Zuversicht und in Erwartung der neuen Möglichkeiten ins digitale Zeitalter .Den Architekten rufen wir zu: Bedient euch der CD-ROM, aber bitte, bewahrt eure Zeichnungen und Skizzen sorgfältig auf.
